Hans Henny Jahnn

Ugrino


"Ich habe auf dem Grunde meiner Seele eine Welt;
aber es ist, als sei sie zertrümmert und zerschlagen, weil sie von hoch herabfiel.
- Ich habe nicht einmal mehr den Zusammenhang der Gemächer
von Burgen und Schlössern, die ich meine,
sie sind wie Teile, voneinander losgelöst.
Und die Taten, die getan wurden, sind die Taten Tausender,
und sie gehören nicht zusammen.
- So weit ich zurückdenken kann, ich habe keine Erinnerung mehr"


H. H. Jahnn aus: Ugrino und Ingrabanien

1919 gründete Hans Henny Jahnn zusammen mit seinen Freunden Gottlieb Harms und Franz Buse die Künstlergemeinschaft Ugrino. Zu diesem engsten Kreis der ersten Stunde zählen auch Friedrich Lorenz Jürgensen, Ernst Eggers, Hermann Buse, Alfred Eggers, Arthur Harms und Heiner Hoppen.
Ugrino allerdings bedeutete mehr als einfach nur eine Gemeinschaft von Künstlern und Gleichgesinnten. Es war vielmehr ein zentraler Lebensentwurf Jahnns, bei dem künstlerische Vorstellungen, gesellschaftliche und soziale Ideale bis hin zu religiösen Aspekten eine echte Alternative bilden sollten zu den Zuständen in der Weimarer Republik. Er hatte selbst bei sich erfahren, dass ambitionierte Künstler in der Enge der bürgerlichen Gesellschaft, in der alles von Normen und tradierten Vorstellungen zu ersticken drohte, kaum eine echte Chance zu freier Entwicklung und zu einer Lebensperspektive hatten, sofern sie die ausgetretenen Pfade verließen und damit automatisch zu gesellschaftlichen Außenseitern wurden. Gerade diesen Menschen wollte Ugrino eine Heimstatt der persönlichen Entfaltung und Kreativität bieten. Für Jahnn war die Kunst eine Überhöhung des menschlichen Bereiches in den Bereich des Metaphysischen; Kunstwerke waren ihm die Manifestation ewig gültiger Gesetze.
Da Hans Henny Jahnn nicht an einen personalen Gott sondern an ein göttliches Prinzip glaubte, das die ganze Welt und ebenso die Kunst durchwirkt, war es sein Bestreben, eben dieses göttliche Prinzip in den Kunstwerken klar und augenscheinlich werden zu lassen. Diese Intention mit all ihren Konsequenzen für den Menschen war für Hans Henny Jahnn der eigentliche Sinn jedweder Kunst. Dazu gehörte neben dem Erhalt historischer Kunstwerke auch das Erstellen von neuen. Dafür warb Hans Henny Jahnn Künstler aus allen Sparten, die seiner Künstlergemeinschaft zunächst auch recht zahlreich beitraten.
historischer_MauerbogenSeine Absichten betrafen zunächst die Architektur, er wollte "die Masse rhythmisch gliedern", wie es schon die Baumeister der Antike und die mittelalterlichen Bauhütten in ihren mächtigen romanischen Kirchen taten. Hans Henny Jahnn bereiste weite Teile Europas um diese Bauwerke zu studieren. Hierin ist eine unmittelbare Parallele zu seinem Schaffen als Orgelbauer zu finden, denn auch hier stellte er systematische und ebenso umfangreiche Studien an und resümierte harmonikale Gesetzmäßigkeiten.
In den Bauwerken Ugrinos sollte die Plastik, die Musik, das Theater, die Literatur usw. eine Heimstatt erhalten und sich frei und unmittelbar entfalten können. So sollten auf einem riesigen eigenen Grundstück in der Lüneburger Heide (Klecken, Wendland), das teilweise auch gekauft wurde, Sakralbauten errichtet werden. Jahnn bewerkstelligte die gesamte Planung dieser Anlage bis in jedes Detail.
Nach dieser Zentralgrünung sollte Ugrino in der ganzen Welt weitere Niederlassungen gründen. Der Ankauf dieses ersten Areals war wirtschaftlich ein mutiges Unternehmen für die noch kleine Gemeinschaft. Jahnn wollte zunächst ein großes zusammenhängendes Gelände erstehen, für das er viele Einzelparzellen unterschiedlicher Grundbesitzer brauchte, die die Kaufpreise ihrerseits kräftig in die Höhe trieben, als sie von seinen Plänen erfuhren. Hans Henny Jahnn stellte seine Vorstellung von einem materiell zweckfreien Künstlerreich obenan, was in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise schnell zu finanziellen Engpässen führte. Daher mussten Großteile des Grundstücks wieder verkauft werden, bevor auch nur ein neues Gebäude dort errichtet werden konnte. Hans Henny Jahnn hatte mit seiner Vision von Ugrino lautere Absichten, aber die ständigen writschaftlichen Engpässe der Gemeinschaft führten bei den Mitgliedern des äußeren Kreises zu Unmut, da einge nicht bereit waren, an der eigentlichen Aufbauarbeit mitzuwirken sondern davon ausgingen, sich ins "gemachte Nest" setzen zu können. Ferner erwarteten mache eine Art neoliberaler Subkultur, die sie in Ugrino vergebens suchten, denn es gab zwar keinen Dogmatismus, wohl aber ein Regelwerk mit allgemeinen Gesetzen zum Funktionieren dieser Gemeinschaft, die von manchen Mitgliedern auf Dauer nicht akzeptiert wurden. So kam es bald zu zahlreichen Austritten und Konkurrenzgründungen.

Krematorium_Dortmund Die Gründung Ugrinos wurde in Form eines Vereins vollzogen mit dem Namen „Verein zur Wahrung der Interessen der Glaubensgemeinde Ugrino e.V.“ Die Eintragung als Glaubensgemeinde, also als Religionsgemeinschaft beim Registergericht in Berlin musste deshalb erfolgen, weil Hans Henny Jahnn die besondere Form der Bestattung (Unversehrtheit des Leichnams mit langer Totenruhe, dazu notwendig eine besondere Einsargung im Bleisarg usw.) ein zentrales Anliegen war, das er aus seiner Weltanschauung bezog. Nur eine Religionsgemeinschaft aber hatte ein Anrecht auf ein besonderes Bestattungsritual, daher dieser juristische Kunstgriff mit der Deklaration als Glaubensgemeinschaft.
Letztlich blieben viele Pläne Ugrinos in Ermangelung wirtschaftlicher Möglichkeiten unausgeführt.
Erfolgreich war die Gründung des Ugrino-Verlags (1921) zusammen mit Gottlieb Harms, in dem Werke barocker und vorbarocker Komponisten in sehr kostspieligen, bibliophilen Ausgaben erschienen (Erstausgabe der Orgelwerke Vincent Lübecks, Gesamtausgabe der Werke Dietrich Buxtehudes, Samuel Scheidts und anderer). Diese Ausgaben waren einzigartig und richtungsweisend in ihrer Qualität und wurden von führenden Musikwissenschaftlern hoch gerühmt. Die Verlagstätigkeit war zunächst ein Zuschussgeschäft, da Jahnns hochgesteckten, kompromisslosen Ziele in Sachen Qualität kostspielig waren und die Notendrucke durch die Wirtschaftskrise wenig Absatz fanden. Hinzu kamen die hohen Kosten für die Pionierarbeit von Gottlieb Harms und späterhin Hilmar Trede wegen der Reisen zu den Aufbewahrungsorten der Originalhandschriften und die Sichtung und Abschrift dieser Werke, dazu das mühsame Umsetzen der Tabulaturen in moderne, gebrauchsfertige Notenschrift. Ausschlaggebend für die Schwierigkeiten aber war die wirtschaftliche Depression.
Hans Henny Jahnn selbst war nur Verleger, nicht Herausgeber. Monna Harms und später Ernst Eggers führten den Verlag innerhalb Deutschlands während des Nazi-Regimes weiter. Erst am 9. August 1971 wurde der Verlag nach zahlreichen Umschichtungen von Jahnns Tochter Signe an den VEB Deutscher Verlag für Musik Leipzig verkauft.
Ugrino selbst wurde bereits im Jahr 1935, nachdem es seit seiner Auflösungsversammlung 1932 nur noch auf dem Papier bestand und der Verlag sich formell abgetrennt hatte, entgültig aus dem Vereinsregister gelöscht.

Hans Henny Jahnn hat aus seinen zahlreichen Ugrino-Bauplänen (zum großen Teil bis hin zu vollständigen Ausführungsplanungen großer Gebäudekomplexe) zwei kleine Bauwerke umsetzen können, die bis heute erhalten sind. Bei einem handelt es sich um seine eigene Gruft in HH-Nienstedten, bei dem anderen um das Jahnsche Familiendenkmal, das er anlässlich des Todes seiner Mutter über dem elterlichen Grab in HH-Stellingen nach eigenen Plänen 1920 errichten ließ. Er bezog sich mit der Form des Grabmals auf seine 1919 angefertigte Bauzeichnung für die Ugrino-Hauptkirche (Detailstudie daraus). Das Grabmal musste 1973 dort abgebaut werden und wurde eingelagert. 1994 fand es einen neuen Aufstellungsort auf dem Kirchhof der Christianskirche in HH-Ottensen (Klopstock-Kirche). Allerdings wurden die Schriftzüge zu den Daten seiner Eltern und Großeltern im linken Bogenfeld entfernt (zur Größenorientierung: Die Breite des Denkmals beträgt etwa 5 m).
Beide Bauwerke können Sie in der GALERIE betrachten.

Harmonikales Villard-Diagramm zum Jahn-Denkmal (Analyse: Henny Jahn)

Familiendenkmal mit Villard-Diagramm