Hans Henny Jahnn

Weltanschauung - Religiosität

Lambdoma„Warum musste jenes Ungeheuer an Ungerührtheit, der Ursprung, der Nullpunkt in der Lambdoma-Konstruktion ägyptischer Denker, zu persönlichem Leben erweckt werden, zu einem Wesen, dessen Gestalt dem Menschen gleicht? – Welche Überheblichkeit! Und welcher Fall! Alle Tore der Schöpfung sind zugeschlagen. (Ich schreibe meinen Hader so oft nieder; ich vermute, dieser Menschengott ist für mich nur ein Hindernis.)“

Hans Henny Jahnn war ein zutiefst religiöser Mensch, Zeit seines Lebens auf der Suche nach Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Stets stellte er sich auf die Seite der Schwächeren und schuldlos Abgeurteilten. Er empfand ein tiefes Mitleid mit unterdrückten und leidenden Menschen und mit der ganzen Schöpfung, die er zusehends durch den zügellosen Ausbeutungs- und Omnipotenzanspruch des Menschen gefährdet sah.
Man stelle sich vor Augen, dass er im Milieu einer rasend schnellen Entwicklung von Industrie und Technologie hautnah miterlebte, wie der Mensch sich zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeiten schuf, sich selbst und seine ganze Umwelt nachhaltig zu schädigen und sogar zu zerstören. Als letzte Konsequenz wetterte er öffentlich gegen die atomare Bedrohung.
In einem streng protestantischen Umfeld erzogen, traf er als begeisterter Anhänger der Lehren seiner Kirche als Schuljunge mit einem Kameraden die Vereinbarung, unter keinen Umständen mehr die Unwahrheit zu sagen. Durch diesen Entschluss fand er sich zusehends in bedrängnisvollen Situationen, bis hin zu unerträglichen Peinlichkeiten und Demütigungen auch im eigenen familiären Umfeld.
Er zog für sich die folgenreiche Konsequenz, die Lehre und späterhin auch die Geschichte des Christentums ganz allgemein kritisch zu hinterfragen. Dabei sah er sich immer mehr Widersprüchen zwischen Anspruch und Wirklichkeit gegenüber.
Die Geschichte des Christentums, mit Unterdrückung und Blut geschrieben – diese Aspekte wogen in Jahnns Sichtweise schwerer als die guten sozialen Errungenschaften, die sich ebenfalls auf die christlichen Kirchen zurückführen lassen- brachten ihn schließlich dazu, der christlichen Lehre generell abzuschwören und andere Wege für sich zu suchen. Überhaupt war er zeitlebens ein Suchender, der kritisch hinterfragte und dem Leiden des Menschen und der ganzen Schöpfung einen Sinn abzugewinnen suchte. Er führte die Rechtfertigung für die Maßlosigkeit des Menschen gegenüber seinen Mitgeschöpfen linear auf die Auslegung des ersten Testaments der Bibel zurück, aus dem der Mensch den Herrschaftsanspruch über die Schöpfung ableitet.
Hans Henny Jahnn fand den letzten Sinn und die Überhöhung der menschlichen Existenz in dessen Kunstschaffen, er betrachtete die Künste (Architektur, Musik, bildende Kunst, Dichtung usw.) als eine Art Quintessenz und Augenscheinlichkeit der Naturgesetzlichkeiten (HARMONIK), die der Mensch dem Menschen zu dessen eigener Läuterung und Erkenntnis in seinen Kunstwerken vor Augen führt – der Künstler als Ethiker und Lehrer.
Daraus erklärt sich die Gründung der Glaubensgemeinschaft Ugrino.
Hans Henny Jahnn glaubte nicht mehr an einen personalen Gott sondern an ein göttliches Prinzip, dass sich in der ganzen Schöpfung, angefangen beim Atom, über den Kristall, die Pflanze und das Tier bis hin zum menschlichen Geist, widerspiegelt (Harmonik).
Hieraus leitet sich seine grenzenlose Ehrfurcht auch vor der Schönheit der Natur, selbst vor dem Leben des noch so geringen Tieres ab. Hierin gibt es eindeutige Parallelen zu Albert Schweitzer und ebenso zu Teilhard de Chardin, die ihr Weltethos aber aus dem Christentum bezogen.
Die Vorrangstellung des Menschen in der Welt sah Hans Henny Jahn einzig und ausschließlich in dessen Verpflichtung, Kraft seines Verstandes das Leid anderer Menschen und der Schöpfung nach eigenen Möglichkeiten einzudämmen und zu mildern.
Diese einfache und dennoch tief religiöse Ethik zieht sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben und sein Werk, mit der traurigen Konsequenz, dass er sozusagen als Märtyrer dieser seiner Weltanschauung oft missverstanden, missgedeutet und noch bis heute geschmäht wurde und wird, obwohl sein Ethos zutiefst menschlich war und grundlegend vom Mitleiden geprägt und genährt wurde.

Auszüge aus dem auch heute noch brandaktuellen und regelrecht visionären Essay von 1930:
Der Dichter und die religiöse Lage der Gegenwart
…Trotz des Daseins als Masse (Anm.: hier: Menschheit) wurde am Ehrgeiz einzelner die soziale Trennung vollzogen: Herr und Knecht. Wodurch der Geltungskampf, den jeder zu kämpfen hat, ungleich ausfiel: Die einen bestanden ihn mit Privilegien ausgestattet, die anderen nackt, schwach, rechtlos, ohne Tröstung. Wir sagen das Wort Schöpfung. Das ist nicht nur Mensch. Nicht nur unsere Heimat, neben der Erdkugel der Sternenhimmel, neben dem Menschen die Tiere, die Pflanzen, die Dinge. Die Trennung Herr und Knecht haben wir fürchterlicher ausgedehnt gegen die Tiere. Ganze Tierrassen werden hingeschlachtet; wie die des Wales, um des Tranes willen. Nicht mit Hilfe natürlicher Kräfte, sondern kraft gewisser Privilegien, mittels Geräten, Maschinen. Wir können uns den Menschen ohne seine Instrumente nicht denken. Seine Überlegenheit ist daran geknüpft. Er ist mächtig nur als Maschinenmensch. Er ist Herr der Erde nicht wegen versprochener Rechtstitel, sondern weil er gewalttätig ist. Die Rechtstitel sind hinterher erfunden….Er entschied nach nützlich und unnütz. Fällt Richtsprüche danach. Selbstverständlich parteiisch. (Siehe Ausrottung des Wales). Er ist mit Artgenossen nicht zarter, wenn er ihnen überlegen. Die Kolonialgeschichte der europäischen Staaten ist eine ziemlich ununterbrochene Reihe von Verletzungen eines natürlichen Rechtes der schwächeren, will sagen, weniger maschinenversehenen Menschen.
Der vollkommen hoffnungslosen Lage, wie sie allmählich geworden, steht nur eine rettende Kraft entgegen, die Gewalt des menschlichen Herzens, die allein auf dem Boden der Urnatur gesunder und gerechter Sinne wächst. Sie ist die einzige Äußerung des Menschen, die man als religiös bezeichnen könnte.
…Der vergangene Krieg (Anm.: der Erste Weltkrieg) ist nur ein bescheidener Vorgeschmack dessen gewesen, was kommen kann als politische, die Maschinenentwicklung ist an keinem Stillstand, an kein begreifliches Ziel gekommen. …..Da ist aber auch, immer nur ein Beispiel genannt, das Diphenylchlorarsen erfunden, ein Giftgas….Und es handelt sich dabei nicht um eine hypothetische Erfindung, zu dem Zwecke zu betrachten etwa, als ob sie angewandt werden könnte. Sie wird angewandt werden…..Die hundert oder zweihundertmillionen Menschen, die dann sterben, haben keine andere Verfehlung aufzuweisen, als dass sie sich nicht schützen konnten. Das ist sehr einfach. Das klingt grausam. Das ist des Menschen Werk. Das ist der Erfolg seines Geistes und seiner Areligiosität beim Erwägen seines Tuns und Lassens. Das ist die Waffe, die sich gegen ihn selbst richtet. Das ist die letzte Abrechnung aus der Trennung Herr und Knecht….
….wie die egozentrisch Frommen nur einen Gott haben: Ebenbild des Menschen. Und neben dem Menschen wird nichts sein. Kein Tier, keine Pflanze, nichts als die grauenvolle Verlassenheit, die Mensch heißt, der alles geopfert wurde, die ganze lebendige Erdschöpfung zum mindesten. Und der sich von synthetischen Nahrungsmitteln nährt und synthetischen Genüssen frönt….
Mitleiden, Klarheit des Geistes, Unerbittlichkeit in den Schlüssen sind Komplexe der Intuition und des Bewusstseins, deren ungetrübtes Funktionieren man von einem Schaffenden (Anm.: hier gemeint Künstler) billigerweise muss verlangen können. Das kennzeichnet ihn. Diese Eigenschaften aber sind der Strom, mit dem er abtreibt von den vorgefassten Meinungen der Anderen….
…Ein einzelner schon kann über einer Stadt in einem Flugzeug aufsteigen, eine Gasbombe schleudern unter die Bewohner der Stadt, deren einzelne ihm vielleicht Unrecht taten, an deren Verzucken er sich vielleicht nur weiden will; oder er ist irrsinnig geworden, von einer Idee besessen, zu Recht oder Unrecht, die Bewohner der Stadt sind dahin. –eine Gruppe von Menschen kann sich zusammenfinden, sagen wir tausend Fanatiker, Militärs, Menschen mit Hilfsquellen, und sie können einen beispiellos mörderischen Krieg gegen ein Land entfachen. Die Machtmittel des einzelnen Menschen sind, sofern er privilegiert, angewachsen. Er ist nicht nur schnell im Anmarsch, nicht nur vielerorts gleichzeitig, er ist auch konzentrisch mit seinem Vernichtungsgerät geworden. Er ist ein Riesentier, ein ungeheurer Drache mit Feueratem. Gegen ihn gibt es Schutz der Übereinkünfte nicht sondern nur das gemeinschaftliche Bekenntnis zu einem Ethos…
…Ich habe deutlich gesagt, wir befreien uns nicht wieder von den Geräten, die wir uns erfunden haben. Aber wir sollten sie endlich als unsere Glieder betrachten, für die wir verantwortlich sind. Wenn unsere Glieder morden, sind wir die Mörder.

s. auch: Vortrag zum fünfzigsten Todestag in HH-Nienstedten >>>