Orgeltexte Jahnns
Hier folgen einige Ausschnitte aus dem Schriftwerk Hans Henny Jahnns über die Orgel, die den am Orgelbau interessierten Leser neugierig machen sollen, mehr von seinen Orgelbautraktaten zu lesen. Zusammengestellt wurden die Texte von OBM Henny Jahn, wichtige Begriffe und Sätze im Gedankengut Hans Henny Jahnns sind fettgedruckt.
Der Einfluss der Schleifenwindlade auf die Tonbildung der Orgel >>>
s. auch hier: Bilder zur "Monographie der Rohrflöte" >
Die Orgel (1925)
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Die Orgel als Instrument gibt bildlich und plastisch dem Auge eine Vorstellung von dem, was sie als klingendes Gebilde verkündet. Die Architekten der letzten hundert Jahre haben das sicher nicht begriffen, obgleich es so offenbar ist; denn sonst wären wir wohl bewahrt geblieben vor den zehntausend Orgelgesichtern, die uns über den inneren Aufbau belügen.
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Die Orgel ist weise organisiert worden.… Das Ergebnis soll hier stehen. Die Oktaven treten als Ausgangspunkte für Pfeifenreihen auf – in Oktavenabständen beginnen die Ladenperioden. Der Aufbau ist unzweideutig: 32’, 16’, 8’, 4, 2’, 1’. Gleichberechtigt stehen diese Höheneinsätze nebeneinander, nicht herrscht eine dieser Lagen als meistbegünstigte vor. Die Quint- und Terzlagen mit ihrer Tendenz zum Tonalitätswechsel konnten nicht ohne Vorbereitung neben die Oktaven treten. Sie mussten eine Läuterung erfahren, die ihre Tendenzen zu mindesten stark abschwächte (...). Die Erfindung der Mixturen war der frühe Ausweg aus der Bedrängnis, die der ungewollte Tonalitätswechsel aufzwang. Die frühe Mixtur gibt den Oktaven- und Quintenaufbau innerhalb prinzipaler Mensuren, spätere gemischte Stimmen sind die weiten Terz-Quinten-Mixturen oder Terz-Quinten-Oktaven-Mixturen, Tertian, Sesquialtera, Kornet und verwandte Stimmen.
Das Anwachsen der Klangmittel musste erhöhte Organisation bringen, brachte sie auch: die Mehrmanualigkeit, die Typisierung der Manuale. Welche Weisheit klingt uns aus den Meisterwerken der Orgelbaukunst zwischen 1550 und 1650 entgegen! Welche Einheitlichkeit in räumlich weit voneinander getrennten Ländern!
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Die Spanier waren am konsequentesten in der Konstruktion der Pedalklaviatur. Sie bauten ein Baß- und ein Diskantklavier für die Füße. Dem Baßklavier – die Tasten bestanden aus runden Knöpfen – fiel das fundamentierende Prinzip zu; auf dem Diskantklavier – in der Gestalt unsern Tasten nicht unähnlich – sind die hohen Oktavlagen vertreten, die 2’- und 1’-Register. Der tiefste Baß und der höchste Diskant konnten also gleichzeitig von den Füßen bewältigt werden. Was für Möglichkeiten bei polyphoner Spielweise! Wir erkennen hier einen Schlüssel zu den vielstimmigen Kompositionen der Cabenzons- den, ach, so wenig bekannten. Die deutsche Pedalklaviatur gab viel des ungeheuren Vorteils, den die spanische Anordnung besitzt, preis; man hat wahrscheinlich niemals einen ernsthaften Versuch gemacht, sie in Deutschland einzuführen.
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Haben uns nicht die Durchschnittstheoretiker des letzten Jahrhunderts bewiesen, dass die in solcher Altertümlichkeit gebildeten Werke schreiend, aufdringlich oder doch zum mindesten ein Mißverhältnis zwischen den reinen Quinten der Mixturen und den leicht schwebenden, auf der Tastatur gegriffenen? Ja haben nicht die Amerikaner aus solchen Erwägungen heraus Riesenorgeln von mehreren hundert Registern ohne Mixturen erbaut? Es ist so.
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Die Forderung der durchsichtigen Wiedergabe einer polyphonen Musik war ihnen schlechthin unbekannt
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Sie ließen die Mehrmanualigkeit bestehen, jedes höhere Klavier entschwebte in ein dünners piano. Sie erfanden die Steigerung: Laut, schwächer, am schwächsten. Ihr Verdienst, ihr hervorragenstes, war die Meistbegünstigung der Äquallage, des 8’—Tones, die Normierung der Orgel zur Gemeindechorallage. Diesen klanglichen Verdiensten stellten sie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ein ebensolches in technischer Beziehung gegenüber: sie erfanden die unpräzise pneumatische Traktur. Das Ventil der Lade wurde einem Mechanismus anvertraut. Die Hand auf der Taste war ein Ding für sich, das für die Tonbildung nicht weiter in Betracht kam. Bei all diesen Arbeiten zertrümmerten sie die Tradition, die Mensurgeheimnisse, die Materialgeheimnisse. Ich könnte mit meinem Rühmen fortfahren, aber es würde wohl gar zu bitter werden.
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Die Schönheit der Orgel, von der ich zu Anfang sprach, ist entstanden kraft präziser Gesetze, die eine Mannigfaltigkeit des Klanges, eine Seltsamkeit ermöglichen, die unermesslich, unergründlich, unanzweifelbar ist.
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Die "heiligen Zahlen" sind lebendige Faktoren, Gesetze, die fief in nahezu alle Erscheinungen eingreifen, die also aus dem Kontur der Schöpfung herausgelesen, abgeleitet wurden. Sie sind der kürzeste Ausdruck eines ästhetischen Geheimnisses.
Sie ist Reichtum, sie ist verwoben mit der Schöpfung, und deshalb ist sie wirkliche Schönheit, während alle sentimentalen Klänge oder brutalen Übersteigerungen mit dem Geschmack der Stunde stehen oder fallen.
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Ich fasse sie (die Orgeln) auf als einen Organismus zur Hervorbringung musikalischer Klänge, die als irdischer Leib die Seele ewiger Musiken aufnehmen sollen. Die Musik, der ich sie untergeordnet fühle, ist kultisch, deshalb ist der Platz einer Orgel an einer Kultstätte zu denken
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Das schriftliche Bild der Orgel
Die Orgel ist das größte Blasinstrument, über das der Mensch verfügt. Schon ein mittelgroßes Werk enthält mehrere tausend Pfeifen. …. Der Zahl und Größe dieser gespannten Wind (Anm.:Luftdruck) erzeugenden Einrichtungen (Anm.:gemeint sind Bälge und dergl.) ist keine eigentliche Grenze gesetzt, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Orgel, nicht erst in unserer Zeit, ein Objekt der Rekordsucht wurde.
Registernamen und ihr Inhalt (1925)
In der nachfolgenden Zusammenstellung sind nur diejenigen Orgelregister angeführt worden, die ich als der Orgel eigentümlich anspreche. Die Angaben über Weiten und Mensurenentwicklung sind ungefähre und vor allem der Praxis des älteren Orgelbaues entnommen (...).
> bedeutet Körpermensur, bei der durch Fülle der Baß betont wird, = bedeutet Körpermensur mit gleich bleibender Fülle, < bedeutet Körpermensur, bei der der Diskant mit Fülle hervortritt. Die Mensurentwicklung des Aufschnittes ist nicht angegeben, sondern nur die durchschnittliche Aufschnittbreite, die Entwicklung geschieht in allen Fällen am zweckmäßigsten in Kurvenmensur.
(Anm.: Was nun folgt, ist eine detaillierte alphabetische Systematik mit einer umfassenden Erläuterung der unterschiedlichen Parameter vieler Register)
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Alles Stentorhafte aber hat mit der Kunst wenig zu tun. Grundsätzlich: man befreie die Orgel von der toten Gewalt ihrer Stärke.
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Die Registernamen, die hier im friedlichen Beisammensein in alphabetischer Folge stehen, müssen sich nach ganz besonderen Gesetzen ordnen, wenn sie sich gegenseitig dienen, miteinander zu einer Einheit, der Orgel werden sollen. Das Aufstellen der Disposition für eine Orgel ist eine Kunstleistung, die selten nur gekonnt wird, noch seltener gewürdigt wird. Bei einem richtig disponierten Werk bedingt die Veränderung einer Stimme meistens auch eine Umgestaltung des gesamten Dispositionsbildes. Kann man aus einer Disposition beliebig Stimmen entnehmen oder beliebig Stimmen hinzusetzen, so taugt sie nichts.
(….)
Orgelbau ist ein Kunsthandwerk, das einen Schöpfer, nicht einen Routinier verlangt.

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