Hans Henny Jahnn

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Der Mensch

Um dem Menschen Hans Henny Jahnn gerecht zu werden, soll hier jemand zu Wort kommen, der ihn persönlich kannte und schätzte. Das ist gerecht, und das entspricht ihm. Die Grabrede von Jahnns Freund Erich Nossack drückt wohl am umfassendsten und unmittelbarsten das aus, was seine Seele ausgemacht und sein Lebenswerk am nachhaltigsten geprägt hat:
Die Liebe zum Menschen, das Mitleid mit den Schwachen und mit der Schöpfung.

s. hierzu auch: Vortrag zum fünfzigsten Todestag >>>

Rede am Grabe:
Lieber Hans Henny Jahnn, lieber einziger Freund!
Es betrübt mich sehr, dass ich es bin, der das Versprechen einzulösen hat, das wir uns vor vielen Jahren gegeben haben, doch ich sehe ein, dass Du mehr Berechtigung hast als ich, endlich in Deine Heimat zurückkehren zu dürfen. Und so beginne ich diese letzte Unterhaltung mit Dir, um die Du mich gebeten hast, diese wenigen, ganz persönlichen Abschiedsworte, die ich für alle, die Dich bis zum Stadttor begleitet haben, so beginne ich damit, dass ich Dich um Verzeihung bitte, wenn ich Dich manchmal enttäuscht haben sollte. Ich bitte um Verzeihung für alle, die sich eines ähnlichen Versagens schmerzlich bewusst sind. Ich bitte um Verzeihung für diese Stadt, die uns geboren hat und die Du oft schelten musstest, weil Du sie so sehr liebtest. Und ich bitte auch um Verzeihung für die, die Dich zu spät erkennen und dann viel Wesens von ihrer Entdeckung machen werden. Wie sollten wir denn auch nicht vor Dir versagen? Jeder von uns spürte den Engel hinter Dir, der den Berufenen beigegeben ist, doch der Anspruch des Engels war zu groß für uns; aus Angst um unsere kleine Wirklichkeit machten wir uns taub. Aber immer blieb uns die Besorgtheit im Gewissen um einen Fremdling, der mit uns zu leben versuchte, denn unser Versagen hätte ihn zwingen können, sich zu prostituieren. Doch Du hast nicht ein einziges Mal Verrat an Dir geübt. Wer darf so etwas von sich sagen!
Und als zweites danke ich Dir, der Du Dich vor Sehnsucht nach Deiner Heimat verzehrtest, dass Du so lange bei uns ausgeharrt hast. Ich danke Dir, dass Du uns durch Dein Werk das Ohr für die dröhnende Stille geöffnet hast. Ich danke Dir im Namen aller jungen Dichter, dass Du ihnen wieder die Kraft gegeben hast, vom Tisch des Herkömmlichen aufzustehen, um die Pflicht der Dichter zu erfüllen. Aber weit mehr möchte ich Dir für das danken, was nicht Geschichte werden wird: für die kleinen, entschuldigenden Gesten, in denen Du uns Deine Wehrlosigkeit preisgabst. Gesten, die etwa ganz leise das sagen wollten, was bei Dir die arme Seele des Menschen spricht: "Ich stehe immer noch auf der Seite derer, denen keine Antwort geworden ist." Womit Du uns die Antwort gegeben hast, auf welcher Seite wir zu stehen haben, wenn wir uns keiner Unwahrhaftigkeit schuldig machen wollen, ausharren, bis wir selber Antwort werden wie Du.
Sei unbesorgt, viele junge Menschen berufen sich bereits auf Dich als ihr Vorbild. Sie begreifen Dich noch nicht ganz. Sie verstehen Deine Empörung über die gedankenlose Ungerechtigkeit und sie fühlen auch deinen Kummer über die Vergeblichkeit allen Geschehens. Doch wozu ihnen noch der Mut fehlt, das ist das, was Deiner Einzigartigkeit alles Bedrückende nahm, das, was noch Deinem lautesten Aufschrei eine sanfte Süße verlieh: Dein Erbarmen. In der Stunde des Abschieds darf es wohl gesagt werden, ohne dass Ärgernis und Unfrieden entsteht: ich habe nie einen religiöseren Menschen getroffen als Dich. Denn ich wüsste nicht, was des Namens Religion würdig wäre, wenn nicht dieses Dein Mitleiden mit aller Kreatur, mit jedem Wassertropfen, mit jeder lebendigen Zelle. Wenn nicht die unstillbare Trauer, mit der Dich die kurze Seligkeit des Blühens und die lange Qual des Verwesens erfüllte. Wenn nicht die zornige Güte, mit der Du noch im Ekligen die Schönheit des winzigen Restes Leben zu erhalten trachtetest, auf den es vielleicht eines Tages ankommen wird, wenn es um den Fortbestand der Welt geht. Aber auch das Erbarmen werden sie noch lernen, die Jüngeren. Sie haben keine Kindheit gehabt. Wir müssen geduldig sein.
Du aber kehrst nun in Deine Heimat zurück. Du hast uns oft von ihr zu verkünden versucht. Es steht bei Dir geschrieben: ". . . und plötzlich schweigt die Erde - sie schweigt, so dass die Stille dröhnt - dann spüre ich, dass ich mit allem einverstanden bin - weil ich die Wirklichkeit für ein Trugbild nehme, für den Schatten einer anderen Welt, aus der ich gar nicht entfernt werden kann ... Denn das Phantom hinter den Dingen, das Eigentliche, die sonderbaren Dimensionen aus Blei und Licht werden mir bleiben." Das geht über das Sagbare hinaus. Das lässt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik.
Lieber Hans Henny Jahnn! Wir, die noch da sind, wollen nicht um Dich trauern. Aber wir wollen als Dein Vermächtnis die Traurigkeit hegen, die eigene. Das Heilig-Intime des Todes sollte nicht durch abgenutzte Vokabeln entweiht werden, so war es vereinbart. Auf dass sich Dein Engel nicht erbittert von uns abwende. Und so lasse ich nun Deine Frau die ersten Hände Erde auf Deinen Leib werfen - wie es sich gehört.
In: Hans Henny Jahnn. Buch der Freunde. Im Auftrag der Freien Akademie der Künste in Hamburg zusammengestellt von Rolf Italiaander. Hamburg [1960], S. 74f.

Wir lassen auch Jahnn selbst zu Wort kommen;
der Leser möge sich einen eigenen Eindruck über das Menschenbild Jahnns verschaffen.

Aus einem Brief Jahnns an Judit Karasz in einer Zeit höchster Bedrohung durch die Nationalsozialisten vom 3.11.1938 aus Kopenhagen

Ich will eine bessere Anständigkeit. Ich will und kann nur der sein, der ich bin, der auch lieben kann, aber doch nur mit jener Spur nüchterner Klarheit, die das Fleisch beargwöhnt, und die von der Zuversicht kommt, dass ohne Güte, ohne Gerechtigkeit, ohne Freiheit des Geistes, ohne Träume, die im Unwirklichen stehen, das Leben nicht wert ist, zu bestehen. Dies Wort der Vulgata des Hieronymus: "Guten Willens sein." Ein Wunderwort: denen der Friede.

Aus Jahnns Tagebuch 1915: Der Kampf- Wie Deutschland aufblühte, Handel trieb - und dazu den Krieg

Es gibt einen Gott, der schuf die Erde und den Himmel in seiner Pracht, der ließ durch die Sonne gold-bunte Farben entstehen, die sich über sein Werk ausbreiten; erschuf Blumen und Bäume in ihrer Kraft und Tiere schuf er und Menschen, herrlich an ihren Leibern und einfach und adlig in ihrer Seele.
Es gibt einen Teufel, der hat mit seinen Krallen in der Erde gewühlt und hat Gold und Eisen daraus gegraben. Er hat das Gold in die Hand genommen und den Menschen gezeigt und gelogen hat er ihnen, dass es ein wunderbares Metall sei, dem eine seltene Zauberkraft innewohnt. - Und die Menschen glaubten ihm und fielen ihm in die Hände. - Und er, der Satan verstreute das Gold unter sie und lachte unbändiglich, denn er sah, wie die Menschen aufeinander stürzten und sich stritten und sich schlugen. Sie vergaßen das Land, das Korn und Früchte trug, sie wollten das Metall das ihnen so blinkend schien - mit den sehnigen Fäusten schlugen sie aufeinander ein; sie entheiligten die Kraft ihres Leibes - und der Satan lachte. Sie mussten hungern und dursten um des Goldes willen, ihre Seele musste verdorren. Das war die Zauberkraft, der sie nachjagten, und sie fühlten nicht, dass sie irregeleitet. - Nur manchmal stand jemand auf. Dann war der Teufel gar böse und befahl dem Tod, er möchte ein Meuchelmörder sein; dann starb ein Mensch, verhöhnt, verlacht mit gerader, adliger Seele; aber seine Augen waren ausgeweint über die Not, die über die Menschen kam und über ihre Unvernunft.
Aber es war dem Teufel nicht genug mit einer Tat, er schmiedete aus dem Eisen Schwerter und gab sie den Menschen. Die sahen die blanke Waffe, und schlugen einander damit, rissen die Leiber sich auf, die Gott geschaffen, töteten einander, und nannten die grausigen Taten heilig, weil es um Gold ging. Mehr Mühe brauchte sich Satan nicht zu geben, denn das Gemeinste, Roheste war geheiligt worden. Von Altären und geweihten Orten verkündete man die Heiligkeit des Mordes. - Gott war abgesetzt, ein König ward ausgerufen, ein Vertreter des geheiligten Mordens um Gold.-
(…)
Und die Kinder, die kleinen wunderherrlichen Kinder, das Größte das Gott den Eltern gab, lässt man verkrüppeln, verhungern, verdursten. Peitscht sie mit Ruten, dass auch sie die Jagd nach Gold mittun. Und gibt es einen Jungen, trotzig, starr und groß, der gern die Sonne leiden mag und Wasser auch – und spielt und lebt, so ist er seiner Eltern Schande, der ganzen Familie missratener Sohn. – und hört er gar sehr gern Musik und liebt er Worte, die schwer wie Glocken klingen und sich zu Versen, Reimen fügen, so ist er das erbärmlichste Geschöpf der Welt. – Und bäumt er sich mit Macht gegen König und Volk, weil er wo Gott fand, so ist er ein Verbrecher, sintemal und alldieweil über aller Vernunft, Heiligkeit und Schönheit Gesetz und Polizeigewalt regiert.
(…)
ich werde niemals auf Menschen schießen – und Gott, der wahre Gott, der nicht deutsch ist, sondern nur groß und allmächtig und gerecht und lieb, der einen jeden Leib heiß liebt, und jede ganze Seele küsst mit unbändiger Glut, indem er sie zu lieben lehrt, der wird mir helfen zu allen Dingen. Und wenn ich sterben muss, so will ich sterben mit dieser Glut –nicht aber leben, wie Mörder leben! Denn das sind sie alle, die es vollbringen auf Menschen zu schießen, ohne dass ihr Sinn und Leben zerbricht!
(…)
Kurz und gut, ich schrieb dies, weil vielleicht einem guten Kerl diese Zeilen in die Hände fallen, und er soll nicht glauben, dass ich ein Lump bin, wenn er weiß, dass ich mich heimlich aus Deutschland fortstahl oder mir selbst eine Kugel erwählte - denn auf andere Menschen schießen werde ich nicht…

...nach dem Krieg war vor dem Krieg:
aus einem Brief an Sybille Harms vom 25. April 1933

"...Ich bin überzeugt, dass wir einen Generalangriff der Materie gegen Form, Wahrheit und Geist durchleben. Und ich weiß, dass kein Standhalten ist. Ich bedaure, dass plötzlich alle Verbindungen aufhören. Dass überall die kalte Schulter gewiesen wird. Das ist die Stunde, wo der historische Materialismus sich als Tatsache beweist, um die feineren Harmonien des Lebens zu verschlingen..."

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