Hans Henny Jahnn

Der Dichter

Wer sich mit Hans Henny Jahnns Schriftwerk auseinandersetzt, hebt sich einen reichen und nachhaltigen Schatz nie zuvor formulierter Begebenheiten und Äußerungen des täglichen menschlichen Lebens, schonungslos und erschreckend in aller Abgründigkeit, aber auch betörend schön und erhaben zugleich in all seinen farbig schillernden Facetten.
Tabugrenzen existieren nicht, vorbehaltlos will das Werk des Dichters verstanden sein als ein objektives Abbild von Beobachtungen der menschlichen Welt und den Grundzügen und Sehnsüchten der menschlichen Seele. Hans Henny Jahnn hat als Kind seiner Zeit mit dem Fallenlassen von Tabus Grenzen eingerissen und Neuland betreten, die heute in der Literatur zur Selbstverständlichkeit geworden sind, damals allerdings Ambivalenz zwischen Vergötterung und Empörung zugleich ausgelöst haben.
Man hüte sich davor, die Äußerungen der Dramen- und Romanfiguren und deren Charaktere mit der Meinung und der Person Hans Henny Jahnns gleichzusetzen, denn man wird ihm in keinem Falle näher kommen, geschweige denn gerecht werden. Es gibt hier und dort lediglich Schnittmengen. Und wie auch nicht, da so unterschiedliche Menschen bei Hans Henny Jahnn die Bühne betreten?

Um Hans Henny Jahnn als Menschen näher zu kommen und kennen zu lernen empfiehlt es sich, seine zahlreichen Briefe, Tagebücher und Essays zu lesen. Hierin offenbart er seine Person und seinen Standpunkt in der Welt seiner Zeit. Auch die Äußerungen seiner Freunde bis hin zu der bewegenden Grabrede seines Freundes Erich Nossack zeugen von der Größe und Herzenswärme dieses in seiner Art sicher einmaligen Künstlers.

Auszüge aus:"Hans Wolffheim: Zum Werk Hans Henny Jahnns"

Man kann dem Dichter in unserer Gegenwart nicht verwehren, was man am antiken (Drama) rühmt: die tragische Gewalt seiner Bilder. Solange noch das Geheimnis von Zeugung und Empfängnis, von Geburt und Tod auch unser Geheimnis ist, ein nicht eben bequemes Geheimnis, wird man dem Dichter auch unserer Gegenwart die Freiheit zugestehen müssen, für die von ihm zu erschaffende Welt des Tragischen die eigenen Bilder zu prägen. Hans Henny Jahnns Bildersprache entstammt, da wo sie Dichtung wurde, gewiss den Urgeheimnissen des Menschen.
(…)
Jahnn Für den Dichter ist das tragische Wort nicht das letzte Wort über die Schöpfung. Für den Dichter waltet über allem und in allem – mag dies dem undichterischen Menschen auch nur schwer fassbar sein – die Harmonie als Gesetzt der Welt. In der Dichtung zielt auch das Tragische auf Versöhnung, durch die Macht der Erschütterung. Hans Henny Jahnn selber ist es gewesen, der an das Einige im Kunstschaffen aller Zeiten und Disziplinen erinnert hat. Eben das Einige, hat er gesagt, war und ist der Versuch, die Harmonie der Welten zu erkennen, zu verdeutlichen, zu verherrlichen, auch dann, wenn sie Erscheinungsformen heraufbeschwört, die ins Tragische abirrten. Und so lautet sein Bekenntnis: Es gibt keinen Künstler, der diesen Namen verdient, der nicht gleichzeitig Harmoniker wäre.
Wie kann der tragische Dichter dies sein? Weil er, wie seine Symbol- und Bildersprache auch beschaffen sein möge, jenseits der Abgrenzungen und Moralzäune ein Verkünder des Schöpfungsprinzips ist.

Beispielhaft sei hier ein Auszug aus der Niederschrift gegeben, Gedanken beim Anbruch des Frühlings:
„Und während sich das meinem Auge Wunderbare vollzieht, vermehren sich die Raubzüge aller Lebewesen gegen den Schwächeren, der gefressen wird. Auch viele Frösche werden gefressen. Es ist keine Schuld, der Schwächere zu sein. Es ist Schicksal. Und so dampft der Schmerz in den Duft des Frühlings hinein. Die warmen Ströme der Luft schmecken fade. Es ist, wie es ist. Und es ist fürchterlich. Und die Blinden danken Gott dafür. Und die Abtrünnigen danken ihm nicht…“

s. hierzu auch den Vortrag zm 50. Todestag 2009 >>>

Hans Henny Jahnn hat zu allen Zeiten seines Lebens als Schriftsteller gearbeitet
Hier seine Werke in chronologischer Abfolge
(e. = entstanden; u. = uraufgeführt)

NOVELLE
1956    : Die Nacht aus Blei

DRAMEN
1919     : Pastor Ephraim Magnus
            (1923 u. Berlin)
1921     : Die Krönung Richards III. (1922 u.)
1922     : Der Arzt, sein Weib, sein Sohn
            (1923 u. Hamburg)
1924     : Der gestohlene Gott
1926     : Medea (u. Berlin, zweite Fassung 1959,
            1964 u. Wiesbaden)
1931     : Neuer Lübecker Totentanz (u.1954 Köln)  
1952     : Armut, Reichtum, Mensch und Tier
            (1948/49 e.,1948 u. Hamburg und
            Wuppertal,1969 Münster)
1952     : Spur des dunklen Engels
            (1959 u. Hamburg)
1955     : Thomas Chatterton (1959 u. Hamburg)
1961     : Die Trümmer des Gewissens (1959 e.)

SCHRIFTEN ZU THEATER UND LITERATUR
Zur „Medea“
Ein Wozzek im Schreibtisch
Das Konterfei des dritten Richard
Henrik Ibsen und sein Land
Glossen zum Schicksal gegenwärtiger Dichtkunst
Vorrede zur „Straßenecke“
Gedanken zu einer hamburgischen Festrede über Lessing
Rechenschaft Kleistpreis
„Medea“
Die Abgründe vor uns
Die Aufgabe der Literatur
Requisiten des Theaters
Anekdote
Zum „neuen Lübecker Totentanz“
Kleine Rede auf Erich Nossack
Gruß an Thomas Mann
Forderung an die Bühneneinrichtung
Die Sagen um Medea und ihr Leben
Prolog zu „Armut, Reichtum, Mensch und Tier“

PROSA
1911       : Jesus Christus
1927/ 55 : Polarstern und Tigerin
1927       : Unser Zirkus
1927       : Die liebenswürdige Leidenschaft
1928       : Die Familie der Hippokampen
1940       : Drusch im Spätherbst
1941       : Der fremde Züchter
1954       : Ein Schiffbruch und noch
                 einiges mehr
1954       : 13 nicht geheure Geschichten
1950/58  : Jeden ereilt es

SCHRIFTEN, z. Teil Ugrino-Verlag
Definition (Kleine Veröffentlichung der Glaubensgemeinde Ugrino)
Verfassung der Glaubensgemeinde Ugrino
Einige Elementarsätze der monumentalen Baukunst
Die Orgel
Registernamen und ihr Inhalt
Neue Wege zur Orgel
Der Einfluss der Schleifenwindlade auf die Tonbildung der Orgel

SCHRIFTEN; ESSAYS
Der Dichter und die religiöse Lage der Gegenwart
Aufgabe des Dichters in dieser Zeit
Klopstocks 150. Todestag
Vereinsamung der Dichtung
Über den Anlass
Zur Tragödie Thomas Chattertons
Lessings Abschied

ROMANE
1929      : Perrudja (unvollendet)
1949-61: Fluss ohne Ufer (Trilogie)
1949      : Das Holzschiff (erster Teil der Trilogie)
1949-51 : Die Niederschrift des Gustav
                Anias Horn (zweiter Teil der Trilogie)
1961       :Epilog
1968 e. : Jeden ereilt es (Romanfragment)
             : Ugrino und Ingrabanien
               (Romanfragment)

AUTOBIOGRAPHISCHE UND WEITERE SCHRIFTEN
Kleine Selbstbiographie
Es gibt einen Altersunterschied
Mein Freund Heinrich Stegemann
Frühe Begegnung mit Günther Ramin
Oskar Loerke bereitete mir den Weg
Spätgotische Umkehr
Gesund und angenehm
Vergessen und Freuen
Vom Sinn des Essens und Trinkens
Kleine Reise durch Kopenhagen
Die Insel Bornholm
Zum Geleit
Der Mensch im Atomzeitalter
Das Recht der Tiere
Der Mensch im veränderten Weltbild
Reise zu den Kuppelkirchen Aquitaniens
Der Schädel Johann Sebastian Bachs- und sein Bild

TAGEBÜCHER
Aus den frühen Tagebüchern (1912-1915)
- Das Schloß Ugrino
- Der Kampf
- Anmerkungen
Norwegisches Tagebuch (1915-1916)
- 1. Teil
- 2..Teil
- 3. Teil
Bornholmer Tagebuch (1934/35, 1945)
- Bornholmer Tagebuch 1
- Bornholmer Tagebuch 2a
- Bornholmer Tagebuch 2b
- Anhang – Expose zum Projekt
   „menschliche Ernährung“
- Menschliche Ernährung (Fragment)
- Anmerkungen
Tagebuch vom 1. bis 7. Juli 1951
Tagebuch einer Schiffsreise 1956

Sekundärliteratur und andere Werke um Hans Henny Jahnn, die wir empfehlen
(ohne Berücksichtigung bleiben hier die Werke, die die Persönlichkeit Jahnns nicht angemessen würdigen bzw. entstellen)

Ein Briefwechsel: H. H. Jahnn / Peter Huchel
Hase & Köhler Verlag 1974

Briefe um ein Werk: H. H. Jahnn / Werner Helwig
Europäische Verlagsanstalt 1959

Buch der Freunde: Freie Akademie der Künste Hamburg 1960

Nanna Hucke: „Die Ordnung der Unterwelt“. Zum Verhältnis von Autor, Text und Leser am Beispiel von Hans Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“ und den Interpretationen seiner Deuter. Open Access zugänglich im Online-Publikationssystem der Universität Konstanz (KOPS)>>>
Zugleich erschienen im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat, MV-Wissenschaft, Münster 2009, ISBN 978-3-86582-943-6 >>>

Hans Henny Jahnn, der Revolutionär der Umkehr
Orgel, Dichtung, Mythos, Harmonik
Rüdiger Wagner, Musikwissenschaftliche Verlags-Gesellschaft1989

Gespräche mit Hans Henny Jahnn
Walter Muschg, Rimbaud 1994

Versuch über Hans Henny Jahnn
Hans Mayer, Rimbaud 1994

Die Hans-Henny-Jahnn-Orgel in der ehemaligen Lichtwarkschule
Förderverein H. H. Jahnn-Orgel e. V. anlässlich der Restaurierung 1991


Rolf Italiaander:“Die Äußerungen eines wenig belasteten, eines unerschrockenen Menschen, kurz, eines Einzelgängers, treffen die Welt unvorbereitet. Und sie antwortet mit Maßnahmen, die dem Erschrecken entspringen…(Jahnn) ist ein Individualist und darum einsam. Er gehört zu denjenigen Geistigen, die sich nie angepasst, nie eingefügt, nie gefügt haben. Er ist nicht konformistisch, nicht einer Institution oder einer Partei eingepasst oder untergeordnet“
Thomas Mann: „Mag Jahnn Anstoß erregen bei anderen, nicht bei mir, dem das künstlerisch Kühne immer ein Hauptspaß ist."
Frank Thiess: „In Hans Henny Jahnn hat sich ein seltenes Wissen und Verstehen zu jener echt dichterischen Einsicht in das von Grund auf Törichte allen menschlichen Tuns geläutert.“

Bert Brecht in einem Brief an Jahnn: „Ich freue mich, dass es Sie gab, und ich freue mich, dass es Sie gibt.

Albert Schweitzer: „Jahnns Unglück ist nur, dass er zu spät geboren ist. Hätte er in der Renaissance gelebt, wäre er in seine Zeit geboren. So wird er es immer schwer haben.“
Prof. Dr. Walter Muschg: „Ich halte Jahnn ohne jede Einschränkung für den größten deutschen Prosaisten unserer Zeit.“
Peter Huchel in einem Gedicht für Hans Henny Jahnn: "Dich aber rief es, aus feuerbrennender Tiefe zu heben die leicht erlöschende, ruhlose Glut."